Risiken und Nebenwirkungen der Freiheit

Ich habe bereits über Freiheit geschrieben und betont, wie sehr mir Freiheit am Herzen liegt. In einem dieser freien Momente bei meinem Aufenthalt in Berlin habe ich eben einen Artikel im Tagesspiegel gelesen, bei dem es um die (chronische) Unzufriedenheit der gegenwärtigen Generation geht. Es werden Studien zitiert, nach denen zwar die Freiheit und der Wohlstand in den vergangenen drei Jahrzehnten gestiegen ist, die Lebenszufriedenheit hingegen nachgelassen haben soll.

Der Autor dieses Zeitungsartikels, Bas Kast, recherchierte über die Frage, wieso die Lebenszufriedenheit nicht steigt und kommt in dem Artikel zu dem Schluss, dass es die Freiheit selbst sei, die aufs Gemüt schlage. Er beschreibt ein interessantes Experiment, in dem in zwei Varianten verschiedene Marmeladensorten verkostet wurden – in der ersten eine Auswahl von 6 in der zweiten Variante 24 Sorten. Letztere vielfältige Auswahl verunsicherte die Kunden, sie zögerten, loteten das Für und Wieder aus, nur 3 Prozent kauften etwas. Anders die Kunden mit der beschränkten Auswahl, bei denen sich 30 Prozent zum Kauf entschlossen. Mit diesem Experiment wird illustriert, dass zu viel an Auswahl/Optionen uns daran hindern kann, eine Entscheidung zu treffen. Eine paradoxe Erkenntnis, weil in unserer Konsumwelt, Supermärkten, Bekleidungsgeschäften die Vielfalt dominiert: die Vielfältigkeit müsste nun gerade Kaufentschlüssen hinderlich sein. Im Englischen Raum gibt es für dieses Phänomen einen Begriff: “Choice Overload”.

Losgelöst von diesem Konsum-Beispiel bin ich mir sicher, dass die Vielfalt von Optionen eine Belastung sein kann – je größer/weiter die Möglichkeiten empfunden werden, um so höher können die eigenen Anforderungen an sich selbst sein und zwar von Beruf über die Partnerschaft/Familie, im ganzen Leben. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass wir unsere Erwartungen nicht erfüllen und damit die Frustration, bei den vielen Chancen/Optionen einige zu verpassen – zu versagen.

Ich habe an anderer Stelle etwas über die Äußere und Innere Freiheit geschrieben und ich glaube, dass hier ein Schlüssel liegen kann, unseren Weg unbeirrt zu gehen und Entscheidungen ohne Reue zu treffen. Wenn wir entsprechend zur wachsenden äußeren Freiheit eine innere Haltung zur Freiheit ausbilden, können wir der äußeren Freiheit gewachsen sein. Eine Innere Haltung zum Umgang mit Entscheidungen könnte sein:

  • Was liegt mir wirklich am Herzen, worauf fokussiere ich mich?
  • Stehe ich auch nach meiner Entscheidung zu dieser und lass mich nicht verunsichern?

Vielleicht ist es hilfreich, uns bewusst zu machen, dass es ein Bedürfnis nach Überschaubarkeit geben kann. Ich habe für mich entdeckt, dass mir eine grundlegende minimalistische Haltung im Alltäglichen Leben und bei wichtigen Entscheidungen hilft. Es ist auch hilfreich, nicht ausschließlich und ausgiebig alles zu analysieren und ewig lang zu recherchieren, das Für und Wider abzuwägen, sondern nach seiner Intuition zu entscheiden. Aber über dieses Spannungsfeld zwischen Ratio und Intuition möchte ich ein andermal schreiben.