Das befreiende Gefühl der Nicht-Kontrolle

Als Meister siehst du die Dinge, wie sie sind,
versuchst jedoch nicht, sie zu kontrollieren.
Du lässt sie ihren eigenen Weg gehen
und wohnst im Mittelpunkt des Kreises.
/Laotse, Tao Te King/

Ungefähr dreißig Jahre habe ich gebraucht, bis ich so richtig erkannt habe, wie enorm wichtig mir Kontrolle ist: Kontrolle über mein Leben, meine Arbeit, meine Gesundheit. So ungefähr in der Zeit, als unsere Kinder geboren wurden, habe ich erkannt, wie unkontrolliert Leben – die Entstehung des Lebens, Krankheiten… – ist. Dennoch versuchen wir alle, alles zu kontrollieren. Und es hat sogar den Anschein, als könnten wir bei so etwas Unkontrolliertes wie der Entstehung Neuen Lebens durch eine Krankenhausgeburt, Tests in der Schwangerschaft und später durch Siebenfach-Impfung beherrschen.

Ich habe mir vorgenommen, die kommenden Jahre vermehrt der Nichtkontrolle zu widmen und ich merke bei jeder Krankheit, Abhängigkeit, Rückschlägen wie schwer mir das fällt. Gleichzeitig spüre ich, wie etwas Neues entstehen kann – es ist schwer beschreibbar, aber hat die Tendenz, frisch, kreativ, irgendwie anders zu sein. Es ist auch ein wenig chaotisch, nur: die ganze Welt ist sowieso Chaos und Kontrolle nur ein Konzept. Let it flow.

Ein Meditationslehrer beschrieb in einer Unterweisung, dass er hinterfragte, wer eigentlich das ICH ist und er beschrieb seine Erfahrung, dass sich bei der Aufgabe von Kontrolle eine Tür öffnet – eine Tür, die sonst geschlossen blieb. Ich glaube, dass es sich bei diesen Türen nicht um spirituelle Tore handelt, sondern um Möglichkeiten, die uns täglich begegnen.
Wenn wir den Tag durchplanen und uns von den Mustern und Konditionierungen leiten lassen, verpassen wir viele Optionen sowohl im beruflichen als auch im allgemeinen Leben. Dazu zählen vor allem auch Begegnungen mit anderen Menschen, Erfahrungen die inspirieren und uns auf bereichernde Wege führen.
Ich erlebe oft, dass kreative Menschen natürlicherweise so funktionieren und mit offenen Augen und offenem Geist durch das Leben gehen. Wie schön und ansteckend ist es, diesen offenen Blick auf andere, fremde Menschen zu richten und bereichernd ist es auch, vertraute Menschen mit “neuen Augen” anzusehen. Ohne Kontrolle, ohne Absicht. Mal sehen, was wird.