Die Stille suchen…

Es gibt kaum etwas, das dem westlichen Menschen so fehlt wie die Stille, kaum etwas, das ihm so schwer fällt, wie die Übung der Stille. Der Lärm hält uns in seinem Bann, der Lärm der Welt, aber mehr noch das innere Getön der uns bewegenden Sorgen, der unterdrückten Gefühle, Süchte und Sehnsüchte, vor allem aber das Stöhnen, das aus der Spannung zu unserem unbefreiten Wesen stammt.
/Karlfried Graf Dürckheim, Zen und wir, 1961/

Lärm außen, Lärm innen

Es ist so, als suchen wir Kraft und Sinn des Lebens im “Lärm”, in der Betriebsamkeit und können die Stille in ihrer Qualität gar nicht mehr ertragen.  Es gibt kaum noch eine Familie, die zuhause still sein kann, ohne dass etwa der Fernseher eingeschaltet wird. Möglicherweise fürchten wir die Stille – es könnte ja in der Stille etwas hochkommen.

Was aber ist überhaupt die Stille? Da ist zunächst der äußere Lärm, in der Stadt, aber auch in Vororten mit dem allgegenwärtigen Verkehrslärm und zwar so verbreitet, dass wir ihn gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Diesem Lärm, wenn wir ihn erkennen und meiden wollen, können wir entkommen.

Wir finden die äußere Stille im Alleinsein in den frühen Morgenstunden oder späten Abendstunden, beim Spaziergang im Park, beim Lesen oder auch beim Laufen mit Ohropax; auch entspannende Musik kann der Stille nahekommen.
Als Vater von zwei noch jungen Kindern sind die Momente der Stille selten und kostbar. Auch wenn ich den Tumult mit den Kindern genieße, sind mir die Momente in der Welt der Stille kostbar und ich merke:

  1. Wir müssen Orte und Momente der Stille bewusst aufsuchen/schaffen und
  2. Es ist die Kunst die Stille in den “kleinen” Dingen/Momenten bei kurzen Spaziergängen, in der Sauna oder in Abendstunden zu finden, wenn wir einfach mal alles Ausschalten, was uns sonst beschäftigt (Computer, Musik, Fernseher – wir haben ihn längst abgeschafft…) und
  3. Es gibt auch die Stille mit anderen Menschen – und damit meine ich nicht die gemeinsame Meditation: Im Gespräch mit unserem Partner, unseren Kindern und Freunden einfach Zuhören und nicht um des Redens willen ununterbrochen zu sprechen.

Schwieriger zu finden ist die innere Stille: Gerade wenn wir die äußere Stille gefunden haben, bemerken wir oft die innere Unruhe, den Lärm eines Gedanken-Wirrwarrs und Sorgen. Wahrscheinlich ist es das Unwohlsein mit dem inneren Lärm der uns die äußere Stille oft meiden lässt.

Die Welt der Inneren Stille

Wir leben nicht in einer Kultur der Stille und das Äußere bedingt das Innere, so dass es wenig überraschend ist, dass wir die innere Stille aktiv suchen müssen (ebenso wie wir die äußere Stille aufsuchen). Nach meiner Erfahrung finden wir die innere Stille nicht so einfach in einem abgeschlossenen Raum, sondern ist es ein Weg dahin, den wir durch Praxis vertiefen können.
Ich habe irgendwann nach einer Übung gesucht, über die Stille und Sammlung in mir zur Kraft zu kommen und mich dabei zu erholen wie in einem schönen Urlaub. Als Methode habe ich dann zunächst das Autogene Training für mich entdeckt und schätzen gelernt. Bei den sehr körperlichen Übungen habe ich festgestellt, dass der unruhige Geist die Herausforderung ist. Erst durch diese Entdeckung des ewig plappernden Verstandes machte ich mich auf den Weg, weiter den Innenraum zu entdecken und dabei irgendwann zu erkennen, dass ich mich zuvor mit meinen Gedanken identifiziert habe.

Die Übung der Stille

Eine Übung der Stille ist für die meisten unter uns erfrischend und führt zu einer Verfassung, die dann auch durch äußeren Lärm weniger gestört wird. Nach meiner Erfahrung führt die Unbewegtheit des Körpers (entweder im Sitzen oder auch im Liegen) über die Wahrnehmung des Atems zu einer Ruhe auch des Geistes. Ziel ist nicht ein “Nicht-Denken”, sondern das Wahrnehmen (Notieren) und Ziehenlassen der Gedanken und Impulse.
Es ist paradox: dadurch, dass wir Gedanken, störende Gefühle oder Geräusche unbewertet wahrnehmen, stören sie nicht mehr – anders, als wenn wir uns gegen sie sperren und der innere Raum der Stille öffnet sich einen Spalt breit. Nichts anderes ist Meditation – das Tor zur Inneren Stille öffnen und die Reise beginnen.