Zen und die Kunst des Bogenschießens

Ich redete über meine Vorstellung von Zen und Achtsamkeit – da unterbrach mich mein Lehrer und sagte: Das ist alles richtig, aber wahnsinnig flach. Du musst in einem Punkt in die Tiefe gehen: denn vor dort aus wirst du mehr verstehen….
Da sagte ich: Was könnte das sein? Er antwortete: Zum Beispiel Bogenschießen.
/Kenran Umeji über die Kunst des Bogenschießens/

Obwohl Zen vor allem Zazen (座禅 übersetzt “Sitzen in der Wahrheit”, also letztlich Sitzmeditation) meint, gibt es in der Tradition des Zen andere, “körperlich aktivere” Übungen – wie eben das Bogenschießen. Aber bevor Pfeile abgeschossen werden, kann es dauern (wie ich gerade letztes Wochenende gemerkt habe). Es ist halt keine “nur körperliche” Übung, sondern es geht im wesentlichen auch dort um die innere Haltung und Stille als Grundvoraussetzung des Tuns. Und so wird erstmal gesessen. Beim Kyudo (Kyû = Bogen, Dô = Weg) – dem traditionellen japanischen Langbogenschießen – kann es ein Jahr oder länger dauern, bis der erste Pfeil fliegt.

Sowohl beim Sitzen als auch beim Bogenschießen wurde mir am letzten Sonntag ein schönes Prinzip des Zen bewusst: Da sich stetig Fehlhaltungen in Geist und in der Haltung einschleichen, hilft die Übung der Achtsamkeit, damit diese sanft korrigiert werden können.
Nach meiner Erfahrung gilt dieses Phänomen bei allem war wir tun: Wir fallen in uns zusammen, atmen flach, sind nachdenklich. Bei all dem achtsam zu sein, sanft uns aufzurichten, den Atem ruhig fließen zu lassen und den Geist still wie die Oberfläche eines Bergsees werden zu lassen – das ist eigentlich eine ständige Übung.

Das Bogenschießen ist eine ganz besondere, körperliche und geistige Übung und eine wirkliche Herausforderung der Selbstbeobachtung, der Haltung, Bewegung und Korrektur; denn gleichzeitig soll der Ablauf absichtslos geschehen und der Schuss sich ohne bewusstes Zielen dann letztlich von alleine lösen, so wie ein kleines Kind den Finger ohne Anspannung sehr fest hält und ihn ohne einen Ruck einfach loslässt. Das Kind denkt nicht nach. Diese natürliche Fähigkeit wieder zurück zu gewinnen – den Anfängergeist freizulegen – das ist der Weg: im Bogenschießen, bei jedem einzelnen Schuss und überhaupt.